15. Kongress der Pflege
Dresden 2003
Psychische Belastungen und Behandlungsmöglichkeiten auf SZT-Stationen
Referentin: Dipl.-Psych. Frederike Schönhöfer,
Medizinische Psychologie
Universitätsklinikum Dresden
Psychologische Betreuung auf einer SZT-Station
Die Stammzelltransplantation (SZT) gewinnt als Behandlungsmethode für ein Reihe von hämatopoetischen Systemerkrankungen (Leukämien und Lymphomerkrankungen) sowie bestimmten soliden Tumoren immer mehr an Bedeutung. Durch ihre spezifischen Ausgangsbedingungen und den Ablauf ist die SZT mit einer Reihe von psychosozialen Belastungen verknüpft. So fällt die Entscheidung für eine SZT oft mit ambivalenten Gefühlen. Die Patienten schwanken zwischen der Hoffnung auf Heilung und der Angst vor einem Misslingen der Behandlung. Die Konditionierungsphase und die Zeit nach der Transplantation sind geprägt von unterschiedlichen körperlichen Beschwerden und, vor allem nach der Transplantation, dem Warten auf das Ansprechen des Körpers auf das Transplantat. Depressive Verstimmungen und Angst treten oft infolge der medizinischen Komplikationen (Entzündung der Schleimhäute, Schmerzen, Fieber, Übelkeit und Erbrechen) auf und je länger die Phase der Rekonstitution des Blutbildes andauert, desto eher ist mit stärkeren psychischen Belastungen zu rechnen, da die Gefahr einer möglichen Abstoßung bzw. die Gefahr von somatischen Komplikationen als immer größer erlebt wird. In der psychologischen Arbeit auf einer SZT-Station geht es vor allem um die begleitende Betreuung, insbesondere in Form stützender Gespräche, die für den Patienten Entlastung und Motivation bringen sollen. Zu Beginn wird der Schwerpunkt auf die psychosozialen Aspekte der Krankengeschichte (wie sind der Patient und seine Familie mit der Diagnose umgegangen etc.) gelegt. Ziel ist unter anderem, eine Atmosphäre herzustellen, die es dem Patienten erlaubt, Ängste oder Befürchtungen offen anzusprechen. Daraufhin kann gemeinsam versucht werden, diese zu bearbeiten und Möglichkeiten des Umgangs mit den Ängsten zu finden, unter anderem auch mit Hilfe des Einsatzes von Entspannungstechniken. Während der stationären Behandlung sind die Gespräche im überwiegenden Teil durch die akuten Belastungen bestimmt. Die intensive Behandlung nimmt verständlicherweise einen Großteil der psychischen Energien des Patienten in Anspruch. Insbesondere wenn es zu Ängsten oder depressiven Verstimmungen in Folge körperlicher Belastungen oder einer verzögerten Rekonstitution kommt, konzentriert sich die Betreuung neben der stützenden Begleitung thematisch darauf, Ängste zu reduzieren und den Patienten in Zusammenarbeit mit den Pflegekräften zu aktivieren bzw. zu motivieren. Die Zeit vor der Entlassung wird durch die Planung für die weitere Zukunft und auch durch die Unsicherheit über den Erfolg der durchstandenen Behandlung bestimmt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird es manchmal möglich, auch andere Probleme im Kontext der Erkrankung wie etwa Selbstbild, individuelle Auseinandersetzungen mit Familie und Beruf etc. zu bearbeiten.
In verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass die schweren Belastungen der SZT von den Patienten überraschend gut verkraftet werden. Als besonders schwierig für den Patienten zeigt sich jedoch die bleibende Unsicherheit über das Gelingen der SZT und die schwankende Hoffnung auf Heilung von einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Gespräche über den Tod und das Sterben sind nicht so häufig wie vielleicht erwartet. Das Thema wird von Patienten selbst selten angesprochen, obwohl es für die meisten vor dem Hintergrund der Unsicherheit des Behandlungserfolges präsent ist. Die psychischen Ressourcen sind aber verständlicherweise auf das Durchstehen der Intensivbehandlung und auf den Erfolg der Transplantation ausgerichtet.
Psychologische Aspekte der Arbeit auf einer SZT-Station und der Arbeit mit onkologischen Patienten
In vielen Studien hat sich ein hohes Vorkommen von Burnout und/oder Angst und Depressionen bei Pflegekräften gezeigt, die mit onkologischen Patienten arbeiten. So fand man Belastungsunterschiede zwischen auf onkologischen und auf nicht onkologischen Stationen Tätigen. In der Onkologie gibt es eine größere Belastung durch z.B. emotionale Betroffenheit (‚Mitleid’), das Miterleben langer Krankheitsprozesse, dem Fragen nach dem Nutzen der eigenen Arbeit. Die ständige Konfrontation mit dem Leid der Krebspatienten und die damit verbundene persönliche Betroffenheit beeinflusst die subjektive Wahrnehmung und die Art und Weise der Stressverarbeitung. Möglicherweise ändern sich hierdurch auch die Wertmassstäbe und das Berufsverständnis. Belastungen für das Pflege- und das ärztliche Personal kommen zum einen durch Eigenschaften der Erkrankung Krebs zustande. So bleibt Krebs trotz aller Fortschritte eine allgegenwärtige Krankheit, die jeden treffen kann und oft unvorhersagbar in ihrem Verlauf und der Reaktion auf die Behandlung ist. Zum anderen können auch die psychologischen Reaktionen der Patienten auf die Erkrankung zu Belastungen auf Seiten der Pflegekräfte und der Ärzte führen. Patienten reagieren auf die Diagnose und die darauf folgende Behandlung von Krebs unterschiedlich, z.B. mit Panik und Trauer, Enttäuschung, Ärger oder einer Depression. All diese Reaktionen erfordern vom Personal viel Geduld, Behutsamkeit und machen es manchmal schwer, professionell zu bleiben. Belastend kann auch die häufige Konfrontation mit dem Sterben sein, die das Bewusstmachen der eigenen Sterblichkeit beinhaltet. Gerade für junge Teammitglieder sind die ersten Konfrontationen mit dem Sterben und dem Tod extreme Erfahrungen, aber auch bei erfahrenen Pflegekräften und Ärzten kann es bei zu vielen, unerwarteten oder schwierigen Todesfällen zu Anspannung und starker Belastung kommen. Die Forschung beschäftigt sich in erster Linie mit den Schwierigkeiten, aber man sollte die positiven Erfahrungen nicht vergessen, die die Pflegekräfte und die Ärzte genau in diesem Arbeitsfeld halten. Diese positiven Erfahrungen und Erlebnisse geben der Arbeit Sinn und motivieren für die weitere berufliche Zukunft.